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Hilfe! Mein Bruder ist anders!

von Annika (gek. aus Sprungbrett 1/95)

Ich erinnere mich noch genau an die Nacht, als mein Bruder mir sagte, dass er schwul ist.
Mein Bruder der Launische, der, der nie zeigen würde, dass ihn etwas traurig macht, der, der seine Mutter und mich häufig ablehnte, der, der in meinen Augen für sich allein der glücklichste und zufriedenste Mensch auf der Welt war, saß nun vor mir, weinend, zusammengekauert und mit zitternden Händen. Heute weiß ich, dass seine Distanz seiner Familie gegenüber hauptsächlich daher rührte, dass er Angst hatte, er könne sich verraten.

Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ich denke an einen Arbeitskollegen von mir. Dieser miese kleine Nazi würde meinen Bruder wahrscheinlich liebend gerne zusammenschlagen, nur weil er Männer liebt. Ich schäme mich, dass mich dieser Gedanke erst jetzt so richtig bestürzt, da ich weiß, dass mein Bruder schwul ist. Meine Hand streichelt sein Bein. Ich versuche ihn zu trösten. Ich schaffe es nicht, ihn in den Arm zu nehmen. Die Gewissheit, dass ich ihn so lange nicht richtig gekannt habe, macht mich unsicher. Er ist von Augenblick zu Augenblick ein völlig neuer Mensch für mich geworden. Der Gedanke, dass seine kleine Schwester die erste ist, der er von seinem Schwulsein erzählt, macht mich stolz. Zum ersten Mal spüre ich sein Vertrauen zu mir.

In der Nacht haben wir noch lange geredet, und ich habe ihm Fragen gestellt, bei denen er wohl gedacht haben muss, ich hätte überhaupt keine Ahnung, damit hatte er dann auch Recht behalten. Ich wusste nichts! Meine Mutter hatte es dann zwei Tage später auch erfahren. Auch sie wollte alles wissen, und so kam der Abend, an dem ein Elterncafé stattfinden sollte, zu dem Eltern mit ihren schwulen Söhnen eingeladen waren, um über ihre Erfahrungen zu erzählen. Auf dem Weg zu unserem Treffpunkt machte sich spürbar Nervosität breit. Ich hatte Angst vor den andere schwulen Jungen. Würde man es ihnen ansehen? Sind sie geschminkt oder rauchen sie lange, dünne Slim Line Zigaretten?

Ich sah mir alle Männer genau an. Ich war der festen Überzeugung, von denen kann keiner schwul sein. Diese Überzeugung wurde aber gleich wieder hinfällig als mein Bruder ein paar von ihnen zu sich winkte. Es war ein netter Abend, und ich konnte mit der Gewissheit einschlafen, dass mein Bruder tolle Freunde gefunden hat, und vor allem, dass Schwule normaler sind als all die anderen, die mit ihrer hochgestochenen Art versuchen den Mädchen zu imponieren. Ich fühle mich wohl in der Gesellschaft von Schwulen! Ich habe zum ersten Mal gesehen, wie sich zwei Männer geküsst haben. Es war längst nicht so phänomenal wie ich gedacht hatte! Das Pärchen neben mir, dass sich verliebt knuddelte, ließ in mir anstatt Unbehagen eher ein Gefühl von Neid aufkommen.




Annika, gek. aus Sprungbrett 1/95
 
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