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beratung > coming-out-stories > Michi, 15 Jahre

Michi, 15 Jahre
Ich hab super Freunde und alle sind ziemlich ok. Dann fing es bei uns in der Clique an, das man den Mädelz einen Kuss gab, so zur Begrüßung eben, weißt schon. Da die meisten Geschwister hatten, außer Andi und ich, kam es oft vor, dass wir uns bei mir getroffen haben. Claudia kam mal so vorbei, und da war eben Andi da. Also gab es für sie wieder diesen Kuss, und da sagte Andi plötzlich, dass es ja eigentlich ungerecht sei, das Claudia 2 kriegt, und wir jeder nur einen. Ich meinte dann zu ihm, wenn er nicht feige ist und sich traut, kann er sich ja einen fetten Kuss abholen kommen (haben wir schon mal so aus Joke gemacht) und er kam tatsächlich. Als sich aber unsere Lippen diesmal berührten war es anders... ich wollte mehr, legte meine Arme um ihn, und meine Zunge machte sich selbstständig. Dann hörte ich Claudia, wie sie fragte, ob wir nicht mal Luft holen wollen so zwischendurch, und wir lachten laut los und sagten so: „Jau, besser is“. Claudia dachte echt, das es nur Show war, und wir gar nicht so richtig auf Zunge hatten. Aber genau da hat es bei mir Pling gemacht, und ich wusste, das da mehr ist als nur Freundschaft.
Das war nun der März 2000... dann kamen Wochen um Wochen, wo ich echt immer nicht genau wusste, meine Gefühle einzuordnen. Immerhin habe ich mich in einen Jungen verliebt und nicht in ein Weib... war es nun wegen dem, was mir passiert ist? War es einfach so, weil es so sein soll? Fragen und noch mehr Fragen und keine Antwort. Dann bekam ich einen Computer von meinem Paps, und er sagte, ich soll entscheiden ob ich Internet oder Handy möchte.... Hey ´nen Compi und kein Inet... was für eine Frage. In AOL hab ich dann schnell gemerkt, das es viele Chat-Bereiche gibt, wo Jungs mit Jungs reden oder Männer und Jungs. Also an Männern war ich ja nicht interessiert, und ich fand es mies, dass man mich immer nur fragte, ob ich Lust habe, mit demjenigen was zu machen. Dann fand ich einen Raum.... und siehe da... Da hab ich dann einfach alle mal gefragt, wie man es merkt, ob man schwul ist oder nicht. Es wurde mir vieles erklärt, vieles gesagt, und auch kamen ein paar wenige Leute mit dummen Sprüchen wie "komm her und ich zeig es Dir, danach weißt Du es genau". Ich habe dann wieder viel nachdenken müssen und kam dann zu dem Schluss, wenn Andi mir ewig im Kopf rumgeht, dann muss ich schwul sein. Denn immerhin habe ich niemals zuvor so für ein Mädchen empfunden wie für ihn. Ich habe ihn dann mal auf einen tollen Abend eingeladen, als unsere Eltern unterwegs waren, habe Pizza gemacht, Kerzen aufgestellt (kennt er schon von mir) und schöne Musik eingelegt. Als er kam, haben wir erst mal gegessen und hinterher, war mir sowas von flau, denn ich wollte nun genau wissen, woran ich bin. Also fragte ich ihn, wie er es genau meint oder besser, was er damit meint, als er sagte, er sei froh, dass ich sein Freund bin, und dass er mich ziemlich gern hat. Funkstille, nix kam.... Dann stotterte er und bekam feuchte Augen... Dann weinte er richtig und sagte leise: "Auch wenn ich weiß, was Dir passiert ist Michi, aber ich kann nichts dafür, ich liebe Dich und denk, dass ich wohl schwul bin und nun kann ich sicher gehen, weil Du nichts mehr mit mir zu tun haben willst". Boah... er liebte mich und ich weinte, er weinte und dann musste ich ihm einfach einen Kuss geben und sagte ihm, das ich ebenso für ihn empfinde und mich schon damals bei "diesem" Kuss in ihn verliebt habe. Was dann kam, kannst Du Dir sicher denken. Es wurde ein so schöner Abend noch, haben nur dagesessen, uns festgehalten und gekuschelt. Nein, Sex stand da nicht zur Frage, das passierte erst später. Obwohl wir schon mal so zusammen onaniert haben, aber eben jeder für sich. Von da an ging es mir zusehends besser. Wenn ich wusste, das Andi zu mir kam, dann war ich sowas von überdreht und aufgeregt, dass ich sogar mein Zimmer freiwillig aufräumte, duschte und immer drauf achtete, das alles korrekt war. Fiel aber auch meiner Mum auf.... Denn wenn Andi mal nicht konnte, dann war ich halt eben immer traurig, niedergeschlagen, er fehlte mir eben. War er bei mir, dann war da immer ein leichtes Zittern und ich war nur happy. Wir haben uns dann die gleichen Ohrstecker machen lassen, verbrachten sehr viel Zeit zusammen und irgendwann meinte Andi’s Mum mal als sie und das Essen hinstellte: „Damit ihr beiden Turteltauben nicht verhungert“. Auch meine Mutter machte so komische Andeutungen wie: „Du wirst Andi heute sicher besonders gefallen, so wie Du Dich zurecht gemacht hast“. BOAH... Ahnten die was? Waren wir zu blöde und haben uns selbst verraten?
Dann kam das, was unausweichlich war. Meine Eltern und Andis setzten sich auf einem Abend zusammen und sagten, sie müssen was besprechen und wir sollen so gegen 20 Uhr dazukommen, weil es uns ja auch betrifft. Jetzt kannst Du Dir sicher denken, was mir da durch den Kopf ging... Die wussten alles... jetzt machen sie alles kaputt, werden versuchen uns zu trennen, denn wer will schon einen schwulen Sohn haben. Naja, wir mussten da ja nun hin und da standen wir wie 2 Angeklagte vor 4 Erwachsenen, und sie fragten uns, ob wir denn nichts zu erzählen hätten. Ich sagte: „Ich verstehe nicht, was der ganze Aufwand soll“, und da bekam ich das erste Mal von meinem Vater eine Ohrfeige. Aber er kam sofort zu mir, nahm mich in den Arm, und entschuldigte sich dafür, aber sagte auch, er sei ziemlich traurig das wir so wenig Vertrauen zu ihnen hätten.
Andi und ich haben dann eben alles gesagt, das wir eben schwul sind, wir uns lieben und uns das durch niemand mehr kaputt machen lassen, lieber sterben wir. Dann wurde noch so den ganzen Abend gequatscht und das verdammt lange. Aber wir haben unsere Eltern echt total falsch eingeschätzt.... Die waren so verständnisvoll, sagten, solange wir dabei glücklich seien. sei das vollkommen in Ordnung und sie würden uns nicht trennen. Denn Liebe sei das größte Gut was die Menschen haben, egal ob wir nun schwul, bi oder hetero sind, wir sind deren Kinder. Danach haben wir es immer mehr Leuten gesagt die uns direkt ansprachen und nur sehr selten waren die Reaktionen negativ. Aber .... keiner unserer Freunde hat sich abgewendet, sie stehen zu uns wie schon immer.
Ich denke, wenn man es satt hat sich immer verstecken zu müssen, immer sich heimlich zu treffen wenn die Bude mal frei ist, nur damit man mal etwas zusammen machen kann (gehört ja auch dazu), dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo man sich fragen sollte, ob es nicht doch Sinn macht, sich zu outen. Und bedenkt.... Mütter mögen manchmal etwas blöd sein, aber wenn es um Gefühlssachen geht oder um das Verliebtsein.... Leute passt auf, die haben da einen richtigen Draht für. Und wenn eure Eltern euch wirklich lieben, werden sie auch nicht versuchen, Euch was anderes einreden zu wollen. Aber gebt ihnen auch die Chance es zu verarbeiten, denn diese Situation ist nicht nur für Euch neu sondern auch für Eure Eltern.
Michi



kleinerlumpie@hotmail.com http://xp.netzerlebnis.de
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