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  beratung > coming-out-stories > Der Anfang meines Schwulse...

Der Anfang meines Schwulseins... (NEU)

... und die ersten Gehversuche

Die nachfolgende Geschichte wurde im Jahr 2000 geschrieben...

Ich bin 21 Jahre alt und lebe noch bei meinen Eltern...
Wie ich mein schwules Leben lebe? Also von der Szene halte ich etwas Abstand. Denn mit den "Tucken" und "Huschen" kann ich gar nichts anfangen. Ich gehe trotzdem gerne hin und wieder mit Freunden oder meinem Freund in schwule Bars und Cafés. Ansonsten lebe ich ziemlich heterosexuell nach außen hin.
Zu den Thema Freunde... dazu zähle ich nur wenige. Denn richtige Freunde muss man mit bedacht aussuchen und sie müssen sich beweisen. Wenn jemand zu mir sagt er hat viele Freunde, kann ich das kaum glauben. Ich zähle sechs Personen in meinem engen Freundeskreis. Selbst bei diesen engen Freunden hab ich manchmal Probleme, sie nicht zu vernachlässigen. Denn ein Fulltimejob und eine Beziehung fressen ganz schön viel Zeit auf.

Zu meiner Homosexualität habe ich mich leider erst viel zu spät bekannt. Gewusst habe ich es eigentlich schon immer, wollte es aber nie wahr haben. Mit 20 habe ich es dann endlich akzeptiert und mich intensiv damit auseinandergesetzt. Erste Erfahrungen habe ich durchs Internet gemacht und dadurch auch meinen ersten Freund kennen gelernt. Die erste "Bekanntschaft" war wunderschön. Ich denke das wird jeder sagen, der zum ersten mal sein Schwulsein auslebt. Ich habe mich dann auch bei meinem besten Freund Ingo geoutet. Das war ein schwerer Schritt für mich und ihn. Es hat auch eine Weile gedauert, bis die Sache verdaut war. Unserer Freundschaft hat es nicht geschadet. Wir verstehen uns nach wie vor super. Sind ein Herz und eine Seele.

Leider hat die erste Beziehung nicht solange gehalten. Wir waren nur knapp 3 Monate zusammen.

Meinen nächsten Freund habe ich ein paar Wochen später auch wieder durch eine Kontaktanzeige im Internet kennen gelernt. Ich habe mich gleich in ihn verguckt und war sehr glücklich mit ihm. Auch meine Mutter merkte, dass ich irgendwie anders gelaunt war. Eines Tages fragte sie nach und ließ nicht locker bis ich mich ihr gegenüber geoutet habe. Sie hat viel besser reagiert als ich immer dachte. Mir ist nach der Aussprache ein riesen Stein vom Herzen gefallen. Kurze Zeit später erfuhr auch mein Vater durch meine Mutter, dass ich nichts mit Frauen anzufangen wusste. Mit ihm habe ich bis jetzt nie darüber reden können. (Die Sache ändert sich aber später noch). Er nimmt es einfach hin und versucht wohl allein damit klar zu kommen.

Die Beziehung oder besser gesagt das Kennenlernen hat nicht lange gedauert und wurde nach 6 Wochen von ihm beendet. Das war verdammt hart für mich und ich habe da heute noch dran zu knabbern. (So richtig verdaut und vergessen habe ich das Erlebnis erst im Jahr 2002).

Ich habe dann ziemlich schnell versucht alles zu verdrängen und mir gesagt andere Mütter haben ja auch schöne Söhne. Also habe ich mich wieder durch die Kontaktanzeigen im Internet gekämpft. Und ich muss sagen, es ist wirklich nicht leicht, den richtigen dort zu finden. Den Traummann wird man eh nie finden... Ich habe mich nach längerer Auswahl mit meinem jetzigen Freund, Stephan heißt er, am 07.08.2000 in Köln getroffen. Wir hatten zuvor schon telefonisch Kontakt aufgenommen und E-Mails hin- und hergeschickt. Er ist 23 Jahre alt und der liebste Mensch, den man sich wünschen kann. Wir haben sehr viel gemeinsam, gleiche Denkweisen, doch so unterschiedlich, dass es nicht langweilig wird. Wir sind uns unserer Sache so sicher, dass wir Ende Februar 2001 zusammen ziehen werden *freu*.
Als meine Eltern dann bescheid wussten und auch von den Auszugsplänen erfuhren, habe ich dann auch meine Schwester eingeweiht. Sie hat am positivsten von allen reagiert. Ich denke das nun alle darüber bescheid wissen, die es wissen sollten. Ich werde mich auch nicht verstecken, es aber auch nicht an die große Glocke hängen. Wenn derjenige nicht damit klar kommt und es nicht akzeptiert, der kann mir eigentlich gestohlen bleiben. Dass ich schwul bin ändert ja nichts an mir. Es ist auch nicht zu entschuldigen. Die heterosexuellen entschuldigen sich ja auch nicht, dass sie auf das andere Geschlecht fixiert sind. Jeder sollte sein Leben leben. Jeder, dem wirklich etwas an mir liegt, wird das auch so sehen.


Heute, am 27.12.2000 muss ich was hinzufügen. Ich hatte am 24.12.2000 ein Vater-Sohn-Gespräch. Mein Vater sprach zum ersten mal mit mir über die Konflikte zwischen uns und unser Miteinander. Man sollte zuvor wissen, dass ich mit meinem Vater nur Smalltalk halte und es nur zu Streitereien kommt. Er erzählte an jenem Abend, dass er damals auch dieselben Probleme mit seinem Vater hatte. Diese legten sich erst, als mein Vater so 23 Jahre alt war. Als ich nach dem Grund der Streitereien fragte, meinte er, es läge vielleicht daran, dass die Jugend aufbegehrt... Er sagte mir auch, wie weh ihm diese Streitereien mit mir tun (was ich ja genauso als schmerzhaft empfinde). Und er hat sich immer von mir ein Enkelkind gewünscht. Des weiteren hat er auch daran zu knabbern, dass der Familienname nicht weiter in der Chronik erscheint. Er ließ mich auch wissen, dass falls ich Probleme haben sollte, ich zu ihm kommen soll. Oder falls ich mal einen Unterschlupf bräuchte, was er mir aber niemals wünscht.
Das war seit sehr sehr langer Zeit das erste tiefgründige Gespräch mit meinem Vater und mir.

Nachdem meine Mutter mir sagte, dass sie meinen Freund kennen lernen möchte, tat auch mein Vater den Wunsch an jenem Abend kund. Ich denke das dieses Gespräch ein sehr guter Anfang für die Zukunft war.


Heute ist mal wieder ein Nachtrag nötig. Es steht nun seit gestern fest, dass ich mit meinem Freund Stephan Ende Februar 2001 in die eigenen vier Wände nach ... (zwischen Köln und Bonn) ziehe. Gestern haben wir das ok vom Vermieter bekommen.


Heute morgen (11.1.2001) rief ich meinen Großvater an um ihn diese Neuigkeiten mitzuteilen. Er wusste bis dato nichts davon, dass ich schwul bin. Ich erzählte ihm also ich ziehe mit einem Kumpel aus Kostengründen in eine Wohnung. Wir beendeten danach das Gespräch und ich bin ins Fitness Studio gefahren. Als ich wieder zu Hause war, sah ich auf meinem Handy das mein Opa mich zwischenzeitlich noch mal angerufen hatte. Ich rief ihn zurück und er fragte mich nach kurzer Zeit wieso ich denn mit einem Freund zusammenziehen würde und nicht mit einer Freundin. Er wollte wissen, ob ich mich eher zu dem gleichen Geschlecht hingezogen fühle. Diese Frage beantwortete ich nach kurzen Stocken mit "das kann man so sagen".
Abschließend meinte er noch, dass wir am Sonntag mal reden sollten, wenn wir auf seine Geburtstagsfeier kommen.
Also ich bin ja ziemlich gespannt, wie der Sonntag verlaufen wird.


Hi, hier bin ich wieder mit den neuesten News aus meinem schwulen Dasein *grins*. Ich war ja ziemlich aufgeregt und gespannt, wie meine Großeltern sich jetzt verhalten würden, nachdem sie erfahren haben, dass ich schwul bin. Meine Aufregung war ganz umsonst. Es war wie immer. Die gleiche herzliche Begrüßung und keine anderen Blicke, wie es vielleicht zu befürchten gewesen wäre. Es ergab sich auch leider nicht die Möglichkeit ungestört mal mit meinem Opa zu reden. Er hat mich nur mal kurz gefragt, was mein "Kamerad" denn macht. Als ich ihm dann mitteilte, dass er Augenoptiker bei ... (will an dieser Stelle keine Werbung machen) ist, meinte er nur: "ist ja prima, da bekommst du ja deine Brille günstig". So oder so ähnlich drückte er sich aus. Also meine Großeltern schienen keineswegs geschockt über die Tatsache, dass ich schwul bin, zu sein.


Halli-hallo! Hier bin ich wieder mal mit Riesen Neuigkeiten! Letztes Wochenende haben meine Eltern ihren "Schwiegersohn" kennen gelernt. Ich hatte ja ziemlich Bammel vor diesem Abend. Es war wirklich schlimmer als meine Gesellenprüfung. Aber zum Glück stellte sich an jenem Abend (20.01.01) heraus, dass die ganze Aufregung für die Katz war. Ich war überrascht, wie "cool" sich doch mein Vater mit meinem Freund unterhielt. Meine Schwester und ihr Verlobter waren auch anwesend. Ich bin heilfroh, dass dieser große Schritt endlich hinter mir/uns liegt.


Nach vielen stressigen Wochen habe ich heute (7.3.01) wieder Zeit gefunden, meine Erfahrungen und Gedanken aufzuschreiben.
Ich bin jetzt mit Stephan zusammengezogen... Das ist wirklich ein ganz anderes "Miteinander", als wenn man nur zusammen ist. Es erfordert viel Verständnis und Rücksichtnahme. Die erste Zeit werden bestimmt immer wieder Meinungsverschiedenheiten aufkommen, aber ich denke, das gehört zu dem Kennenlernen dazu.
Inzwischen wissen auch meine Oma, Uroma, Onkel und dessen Freundin mütterlicherseits über mich bescheid. Das wurde zu meiner Verwunderung sogar von meiner Uroma, die bereits Ende 80 ist, sehr gut aufgenommen. Sie meinte sinngemäß, dass dies wohl so sei in der heutigen Zeit. Nur dass ich mit Stephan zusammengezogen bin, konnte sie nicht gutheißen...

Tja, hier enden nun meine Erzählungen von meinen ersten schwulen Erlebnissen. Sie wurden von vielen sehr gern gelesen. Aber Erfahrungen aus jüngster Vergangenheit haben gezeigt, dass ich es nicht weiterführen werde. Der Grundgedanke war damals, anderen jungen Boyz zu erzählen wie das Outing ablaufen kann. Mir ist auch klar, dass es bei jedem anders ist. Aber mir haben Erzählungen anderer damals auch geholfen und somit wollte ich meine Geschichte als Dank und als Unterstützung zurückgeben. Jetzt werde ich diesen Grundgedanken wieder in die Tat umsetzen und die Seite hier abschließen.

Als Info sei vielleicht noch gesagt, dass ich inzwischen nicht mehr mit Stephan zusammen bin und wir unsere eigene Wege gehen...




von Nico
 
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