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Franks Coming-Out
von Frank, 19 Jahre
Coming-Out - Herauskommen - sich als Schwuler zu erkennen geben - dieser Gedanke bereitete mir sehr lange Zeit sehr große Kopfschmerzen. Zunächst wollte ich es selbst nicht akzeptieren. Dass ich anders war als andere Jugendliche, das war mir eigentlich immer klar. Meine Hobbys waren Handarbeiten, Basteln und Kunstturnen, so dass ich bei den anderen Jungen aus meiner Klasse nie so recht einzuordnen war, zumal ich mich überhaupt nicht für Fußball, Raufen oder Räuber-und-Gendarm-Spiele interessierte. Wahrscheinlich aus diesem Grunde bestand mein Freundeskreis während meiner Grund- und Realschulzeit immer zu großen Teilen aus Mädchen. Ich hatte meinen Ruf als "Weiberheld" und "Casanova" weg, und niemand hätte vermutet, dass ich schwul bin.
Mir selbst war das zu diesem Zeitpunkt schon lange klar, nur wahrhaben wollte ich es nicht. Nachts träumte ich von schönen jungen Männern, tagsüber versuchte ich mir immer wieder einzureden, mich in das eine oder andere Mädchen verliebt zu haben - zwecklos. Ob ich wollte oder nicht, ich musste mir eingestehen, dass ich Männer nun einmal attraktiver fand als Frauen. Mehr noch: Der Gedanke, mit einer Frau zu schlafen, widerte mich mehr und mehr an. Schwul sein wollte ich schon gar nicht - immer wieder hörte ich von meinen Klassenkameraden ziemlich flache Witze über "Tunten" und "Schwestern". Schwule, so glaubte ich damals, seien entweder Transvestiten, die lieber Frau als Mann wären, oder in Lederkluften gezwängte Muskelprotze mit Schnäuzer und Bierbauch, und zu keiner dieser beiden Gruppen fühlte ich mich hingezogen.
War ich nun schwul oder bisexuell, oder handelte es sich bei mir doch nur um die berühmte homophile Phase während der Pubertät, die - wenn man diversen Jugendmagazinen glauben darf - fast jeder Jugendliche durchmacht? Ich wusste es nicht, setzte mir jedoch ein Vierteljahr als Frist um es herauszufinden. Ich war damals 15 oder 16. Klassenkameraden erzählten manchmal von Kneipen, vor denen sich küssende Männer standen und an denen sie zufällig vorbeikamen. Ich bekam jedes Mal riesengroße Ohren, traute mich aber nie, mal genauer nachzufragen. Ich hätte mich ja eventuell verraten können. Also machte ich mich auf die Suche. Das einzige, was ich wusste, war: Irgendwo in Köln gibt es Kneipen, in denen sich Schwule treffen. Ich kannte mich nicht besonders gut aus in der Stadt, und die ganze Aktion erwies sich als Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Heute muss ich grinsen, wenn ich bedenke, an wie vielen Szenetreffpunkten ich vorbeilief, ohne diese als solche zu erkennen.
Durch Zufall kam ich irgendwann einmal an einem Sex-Shop vorbei, in den ich aus Neugier hineinhuschte - natürlich nicht, ohne mich zu vergewissern, dass niemand mich beobachtete. Ich erstand dort einen schwulen Stadtführer von Deutschland, in dem die wichtigsten Treffpunkte für Homosexuelle aufgeführt waren. Ich staunte nicht schlecht: Köln umfasste in diesem Führer fast fünf Seiten, auf denen eine Adresse nach der anderen abgedruckt war. Ich probierte die eine oder andere Kneipe aus, besuchte Cafés, ging sogar anfangs ein paar Mal in die Sauna. Hier lernte ich Uwe kennen, meine erste schwule Bekanntschaft, aus der sich eine mehrmonatige Beziehung entwickelte. Nun gab es keinen Zweifel mehr: Ich war schwul. Diese Tatsache zu akzeptieren, das war der vermutlich wichtigste Schritt in meinem Coming-Out.
Bald weihte ich meinen besten Freund in mein Geheimnis ein; es ergab sich einfach während eines Gesprächs, in dem er feststellte, dass fast alle Jungen aus unserer Klasse bereits Beziehungen hatten, also "fest" mit einem Mädchen gingen. Eine der wenigen Ausnahmen sei ich. Ich korrigierte: "Das stimmt nicht ganz. Ich hatte schon Beziehungen, aber eigentlich ... äh ... weniger mit Mädchen". Er schaute mich verdutzt an, ein paar Sekunden später fiel der Groschen: "Du meinst, du bist..." "Ja, ich bin schwul." Ich hatte dieses Wort noch nie in Gegenwart eines Bekannten von mir laut ausgesprochen und wartete besorgt seine Reaktion ab. Diese war unerwartet positiv: Er freute sich über mein Vertrauen zu ihm und überhäufte mich mit Fragen. Ein mehrstündiges Gespräch folgte.
Das größte Problem hatte ich aber noch vor mir: Wie sag ich´s meinen Eltern? Ich nahm an, dass sie Bescheid wussten. Öfters hatte ich Szenezeitschriften mit nach Hause gebracht, und diese lagen zeitweise tagelang auf meinem Schreibtisch herum. Auch hatte ich mich inzwischen einer schwulen Jugendgruppe angeschlossen, und seit längerem schon riefen bei uns immer nur Jungen an, die mich sprechen wollten. Ich hatte recht. Eines Morgens sprach mich meine Mutter auf diese Dinge an. Ohne nach Ausflüchten zu suchen, bestätigte ich ihren Verdacht. Sie gab mir sofort zu verstehen, dass sie mich akzeptieren würde, wie ich bin. Mehr noch: Ohne irgendwelche Diskussionen durfte ich von Anfang an schwule Freunde von mir mit nach Hause nehmen. Sie durften sogar hier schon übernachten. Auch mein Bruder signalisierte sofort Toleranz. Mit meinem Vater habe ich bisher nicht über Homosexualität gesprochen. Er ist dieses Jahr 60 geworden, und aus Erfahrung weiß ich, dass man mit ihm nicht besonders gut diskutieren kann. Da ich annehme, dass auch er Bescheid weiß, kann er mich ja ansprechen, wenn er Fragen hat. Ich bringe jedenfalls meine Homosexualität ihm gegenüber nicht zur Sprache.



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