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Chris Coming-Out

von Chris

Mein Coming Out liegt zwar schon eine ganze Zeit zurück, aber trotz allem ist es eine wunderschöne Geschichte, die sicher dem ein oder anderen Mut machen kann, auch zu seinen Gefühlen zu stehen.
Ich war damals Jugendleiter einer Ferienfreizeit in Südfrankreich. Ich war ganz schön nervös, als ich in Köln den Bus bestieg und mich 20 erwartungsvolle Gesichter ansahen. Ich hatte bisher noch keine Jugendfreizeit alleine als Leiter betreut und ich war mit meinem 18 Jahren sicher auch nicht die Person, die Autorität zeigen konnte. Ich war also auf die Friedlichkeit der 14-16jährigen Boys und Girls angewiesen. Als dann als letzter Jugendlicher ein 14jähriger blond und blauäugiger Typ in den Bus stieg, dachte ich mir zuerst: "Der sieht aber süß aus!" Kurz danach musste ich aber feststellen, dass er ein ziemlich eingebildeter Proll war. Ständig berichtete er von den vielen "Weibern", die er schon im Bett hatte oder am liebsten sofort ins Bett zerren würde.

Damals hätte ich sicher nicht für möglich gehalten, dass es genau dieser Boy war, der mich zu meinem Outing bewegen sollte. Im Laufe der ersten Woche unserer Jugendfreizeit stellte ich mehr und mehr fest, dass Thomas ganz anders war, als er nach außen vorzugeben versuchte. Immer öfters verbrachte ich meine Zeit mit Thomas am Strand oder in der verträumten französischen Kleinstadt am Atlantik! Eines Abends gingen wir alle gemeinsam in die Stadt. Wie immer hatten wir uns vorher eine kleine Flasche Jenlain (Ein furchtbares alkoholisches Gesöff) nicht verkneifen können. Gut gelaunt meinte Thomas irgendwann zu mir: "Hey Chris, komm, wir gehen Leute schocken!", legte seinen Arm um meine Schulter, küsste mich auf die Wange und stolzierte in die Innenstadt. Ich konnte das Gefühl damals nicht so ganz einordnen, ich weiß nur noch eins: Ich habe mich damals verdammt wohl gefühlt mit Thomas im Arm. Nur leider war das alles ja nur Spaß!! Oder doch nicht?

Es vergingen zwei Tage, bis das Highlight der Jugendfreizeit veranstaltet werden sollte. Eine Nacht unter freiem Himmel auf der größten Wanderdüne Europas! Ich packte mit Thomas, der inzwischen schon fast so was wie mein Assistent geworden war, die Sachen zum Grillen und Trinken zusammen und belud das Auto. Wir alle (also nicht nur die Betreuer) hatten uns für diesen Abend ausreichend mit Bier und Wein eingedeckt und es versprach angesichts des supertollen Wetters wirklich ein gelungener Abend zu werden. Angekommen am Fuße der Dune de Pyla stürzten sich die meisten erfahrungsgemäß erst mal auf den Alkohol und dann erst auf das Essen.

So langsam senkte sich die Sonne über dem Atlantik nieder und gab das einzigartige Sonnenuntergangsspektakel zum besten. Man konnte förmlich sehen, wie die Sonne sich gegen das Wasser wehrte. Die Delphine im Hafenbecken von Arcachon trugen Ihren Teil dazu bei, dass alle wie gebannt und verträumt auf das Meer hinausblicken und Ihren Gedanken freien Lauf ließen. Ich musste an den Abend vor zwei Tagen denken und an dieses irre Kribbeln im Bauch, was ich seit dem jedes Mal bekam, wenn ich Thomas berührte oder auch nur in meiner Nähe hatte. Kurz darauf schämte ich mich fast zu Tode, das ich mir einredete, einen Mann zu lieben. Ich war hetero, ich war verknallt in Conny und wollte sie haben. Punkt aus! Keine Diskussion!
Als die Sonne ihren Kampf aufgegeben hatte und sich langsam aber unaufhaltsam die Dunkelheit über dem Meer niederlegte zerstreute sich die Gruppe in die üblichen Saufgelage. Thomas tingelte von Gruppe zu Gruppe und wann immer ich ihn traf, war er grad damit beschäftigt, irgendwem bei seinen kleineren oder größeren Seelenproblemen zu helfen. Er war echt ein herzensguter Mensch.
So gegen 4.00 Uhr morgens machte ich mich auf die Suche nach Thomas. Ich habe keine Ahnung warum ich ihn gerade jetzt gesucht habe, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsste zu ihm. Ich suchte also ca. 30 Minuten, bevor ich Rene, einen der Fahrtteilnehmer, völlig verstört und alleine an einem Baum sitzen sah. Ich merkte sofort, das irgendwas passiert war, was nicht hätte passieren sollen und fragte Rene. Er gab mir nur zur Antwort, dass Thomas da gewesen war, ihm was erzählen wollte und dann anfing zu heulen und weglief.

Ich hatte Thomas in den ganzen zwei Wochen noch nie traurig erlebt. Was war bloß los mit ihm? Und vor allem: WO war er? Nach einiger Zeit fand ich ihn auf einer kleinen verlassenen Lichtung im Sand sitzen. Er saß da und hatte die Hände vor dem Kopf zusammengeschlagen! Ich setzte mich daneben und fragte ihn, was los sei! Er antwortete nicht. Ich wusste, wenn er über irgendetwas reden will, dann wird er schon irgendwann etwas sagen. Ich nahm ihn also einfach in den Arm und sagte erst mal gar nichts.

Thomas schwieg immer noch! Ich habe damals nicht auf die Uhr geschaut aber ich spürte instinktiv, dass er nicht mehr lange nur vor sich hinstarren würde. Nach einer halben Ewigkeit (später merkte ich, dass es wohl so 45 Min waren) rückte er mit der Sprache raus:

"Kannst Du etwas für Dich behalten? Ich glaube, ich bin wirklich schwul!"

Darauf war ich nicht gefasst! Er sprach einfach aus, was mich seit meinem 14ten Lebensjahr bedrückte. Bisher hatte ich gedacht, ich wäre der einzige "normale" Junge gewesen, der auf andere Jungs stand. Da war sie also die Gelegenheit, auf die ich 4 Jahre gewartet hatte. Ich brauchte einfach nur so was wie "Ich auch" sagen und alles wäre klar gewesen. Aber da waren immer noch die Zweifel. "Bin ich vielleicht doch hetero", "Vielleicht ist es nur ne Phase, weil ich noch nie eine Freundin hatte" und "Ich kann es nicht sagen, was werden meine Freunde und Eltern denken" schwirrten wild in meinem Kopf herum. Ich saß da und diesmal war ich nicht im Stande, meinen Mund aufzukriegen. Thomas schien sich wohl zu denken: "Was Chris kann, kann ich auch" und legte den Arm um mich und schwieg! Ich brauchte dann auch 30 Min, bevor ich sagte:

"Kannst Du was für Dich behalten? Ich glaub, ich bin auch schwul!"

Jetzt war es also raus. Einfach so! Ich war erleichtert und wir beide fielen uns erst mal lachend in die Arme und beschlossen dann, das Gesagte einfach mal so im Raum stehen zu lassen und uns gründlich zu besaufen! Da war nur noch eine Frage: "Bleibt es unter uns oder outen wir uns richtig?" Wir sagten es erst mal nur Steffi und Rene! Auf dem Heimweg am nächsten Morgen dachten Thomas und ich viel nach und wussten beide nicht so recht, ob wir das jetzt nur geträumt hatten oder ob wir den anderen einfach mal ansprechen. Also schwiegen wir erst mal!

Gegen Mittag wollte ich Thomas fragen, ob er mir beim Essen machen helfen könnte und fand ihn im Bulli sitzend. Aus den Lautsprechern schrie es in lautem Heavy-Metal-Sound:

Stand and fight,
say what you feel
born with a heart of steel

Wollte er mir damit etwas sagen? "Say what you feel"! Was sollten wir mit diesem Satz anfangen. Jetzt hieß es alles oder nichts. Früher oder später würde es doch jeder rauskriegen! Aber wie sollte man irgendjemandem sagen, dass man schwul ist. Thomas und ich beschlossen, ein Outing nach allen Regeln der Kunst durchzuziehen. Wir wollten es einfach ALLEN sagen, damit wir uns nicht jahrelang immer wieder dem ein oder anderen gegenüber rechtfertigen mussten. Wenn uns alle hassen würden, dann hätten wir ja immerhin noch uns! Und gemeinsam würden wir das schon schaffen. Am Abend, es muss so gegen 23.00 Uhr gewesen sein, riefen wir die ganze Jugendgruppe zusammen und ich fing einfach an. Jeder hatte mitbekommen, das Thomas und ich die letzten 19 Stunden nicht so ganz normal waren. Daher musste ich eigentlich nur noch den Grund nennen. Nachdem die ersten geschockten Gesichter abgelegt waren, war alles so wie vorher. Wir sind zusammen in die Stadt gefahren und hatten den selben Spaß wie eh und je! Sollte das alles gewesen sein. Einfach so sagen, dass man schwul ist und alles bleibt beim alten. Wenn das auch in Deutschland funktionieren würde, dann würde das ganze Schwul-Sein viel einfacher, als ich mir das alles vorgestellt hatte.




Thomas und ich waren auf jeden Fall erst mal total erleichtert und hatten von Minute zu Minute immer weniger Angst, auch in Deutschland bei unserem Freunden und der Familie zu unseren Gefühlen zu stehen. Aber die Angst kam wieder. Als ich wenige Tage später bei meinem Eltern am Tisch saß und dazu auch noch meine Geschwister, meine Tante und mein Schwager zu Besuch waren, fühlte ich mich total allein! Bisher war Thomas immer für mich da gewesen und stand mir zu Seite, wenn ich offen über meine Gefühle sprach. Plötzlich fühlte ich mich nur noch verlassen! Meine Eltern würden mich totschlagen oder zumindest würden sie mich aus der Familie verbannen. Aber da musste ich jetzt durch. Meine Mutter bohrte sofort in gekünzelt heiterem Ton, ich solle doch endlich mit der Sprache rausrücken. Ich wollte das jetzt endlich hinter mich bringen und sagte: "Ich will nicht lang drumherumreden! Ich bin schwul!" Schweigen! Fragende Blicke! Und dann brach meine Mutter das Schweigen: "Ach so, und ich hatte schon Angst, Du hättest ne Frau geschwängert! Judith (das ist meine Schwester), Du musst jetzt den Familiennamen retten. Christoph wird jawohl jetzt nicht heiraten!"! Das war's! Es war raus und ich fühlte mich toll. Jetzt würde mich nichts mehr halten, endlich mein Leben so zu leben, wie ich es leben wollte! Das Outing bei den Freunden und Bekannten war dann nur noch ein Formsache. Die meisten meiner Freunde haben so reagiert, wie ich es aus Frankreich kennen gelernt hatte. Es war interessant für die Leute, aber anstößig oder schlimm fand es fast niemand. Im Gegenteil! Viele haben nach meinem Outing einige Eigenarten von mir verstanden und konnte so viel mehr mit mir anfangen, weil ich nicht mehr so geheimnisvoll war. Schon wenige Wochen danach war es vollkommen selbstverständlich, dass ich mit meinem Freund zu Partys eingeladen wurde und mein Freund überall genauso willkommen war, wie andere Jungs mit Ihrer Freundin. Meine Eltern haben zwar die ein oder andere Sorge gehabt, aber das ist inzwischen auch vorbei. Außer vielleicht die Sorge meiner Mutter, ich könnte mal vergessen, sie mitzunehmen, wenn ich ins Cafe Rosa gehe :-)))

Durch mein Outing hat sich vieles verändert, sicher nicht nur positiv. Aber alles in allem muss ich heute sagen, dass es richtig war, sich so durch und durch zu outen. Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn man nicht ständig lügen muss. Wenn mich ein Kollege in der Firma fragt, warum ich so schlecht drauf bin, dann ist es schön sagen zu können: "Weil ich Streit mit meinem Freund hatte!" Und wenn es die ein oder andere negative Erfahrung gibt, dann sollte man immer an die positiven Erfahrungen denken, denn die sind auf jeden Fall in der Überzahl!

Thomas - Thank you for being a friend!




© 1997, Chris
 
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