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beratung > coming-out-stories > anyway - The first time!

anyway - The first time!
Ich erinnere mich daran, dass es ein super heißer Tag war - oder war´s doch recht kühl für Juni? Ich weiß es nicht mehr richtig...
Jedenfalls habe ich vorher tagelang hin und her gedacht, ob und wann und wie ich nach Köln ins anyway kommen soll?!
Dass ich schwul bin, war mir ja nun eigentlich recht klar. Ich wollte endlich raus aus der Provinz. Das Bedürfnis, Menschen zu treffen, denen es ging wie mir, wurde immer größer. Ich wollte endlich mit jemandem sprechen, der auch weiß wovon ich rede... weil er es kennt! Gleichzeitig hatte ich aber auch Angst! Angst vor einem Schritt, von dem ich nicht wusste, wohin er mich bringt.
Ich habe mir dann nach wirklich anstrengenden Abenden, an denen ich Kopfschmerzen vor Grübelei hatte, den Vorsatz gemacht, am nächsten Dienstag mit dem Zug nach Köln zu fahren. Absichtlich hatte ich mir einen Dienstag ausgesucht, weil sich da Jungs und Mädels im anyway treffen.
Ich kaufte also schon 3 Tage vorher die teure Zugfahrkarte, weil ich genau wusste, dass ich die 40 DM nicht einfach verfallen lassen würde, denn mit 16 Jahren ist das eine Menge Holz. So habe ich mich quasi selbst gezwungen auch zu fahren!
Ich fuhr auch. Ich kam in Köln am Hauptbahnhof an, und lief erst einmal ziemlich ziellos durch die Stadt, um mir irgendwo in einer Kneipe mit einem einzelnen Kölsch Mut anzutrinken. Mit zitternden Knien bin ich dann die verdammt lange Venloer Strasse hochgelaufen. In meinem Kopf schwirrten die dämlichsten Gedanken herum: "Ich will nicht!„ ... "Wie die wohl alle aussehen?" ... "Ob das nur Tucken der schlimmsten Sorte sind?" ... "Da rennen sicherlich auch diese grölenden Mannsweiber rum!?"...!
Ich konnte den ganzen langen Fußmarsch von 15 Minuten über nicht glauben, dass meine duseligen Füße ein Eigenleben entwickelt zu haben schienen und mich gegen meinen Willen in das Jugendzentrum trugen! Natürlich hätte ich auch die U-Bahnlinie 5 nehmen können, aber dann wäre ich ja nach zwei Stationen da gewesen und hätte nur 5 Minuten für den ganzen Weg gebraucht - ich entschied mich für die zeitschindendere Variante...
Völlig fertig und tatsächlich ein wenig zitternd kam ich dennoch irgendwann an - und stand vor verschlossenen Türen!
TREFFER - VERSENKT!
"Wir machen Urlaub! - Im gesamten Juni 1999 ist das anyway geschlossen!" - hing nett an der Eingangstür ... ich fuhr völlig frustriert nach Hause!
Ich hatte es einmal geschafft und ich würde es wieder schaffen! Ich kaufte also noch mal ein Ticket, fühlte mich noch mal tagelang wie ein Schwamm (moppig, matschig, fimschig, übel, hatte feuchte Hände, Kopfschmerzen ... to be fortgesetzt!) und fuhr etwa 3 Wochen später noch mal nach Köln!
Ich stieg in die U-Bahnlinie 5 und fuhr vom Hauptbahnhof bis zum Friesenplatz. Ich war ein wenig zu früh und so setzte ich mich im nahen Stadtpark auf eine Parkbank und rauchte eine halbe Schachtel Zigaretten. Nachdem ich das in mit Sicherheit rekordverdächtigen 15 Minuten geschafft hatte, ging ich mutig rüber und öffnete zum ersten mal in meinem Leben freiwillig die Tür eines schwul-lesbischen Ladens....
Im Allgemeinen glaube ich ja nicht schüchtern zu sein, aber in diesem Moment muss man mein Herzklopfen bis nach Düsseldorf gehört haben. Ich konnte nach wie vor nicht fassen, das gerade wirklich zu tun - ich kam mir vor wie benebelt!
"Hallo!" - hörte ich plötzlich! Da lächelte mich doch tatsächlich ein völlig normal aussehender netter junger Mann an. Ich war froh, einen richtigen Menschen zu sehen. Er fragte mich - nachdem ich mich gesetzt hatte - ob der Stuhl neben mir noch frei sei. Natürlich war er das: Außer uns beiden war niemand da, dafür aber etwa 50 freie Stühle...!
Er verwickelte mich gekonnt in ein schönes Gespräch und nahm mir alle meine Befürchtungen und Ängste wie im Fluge... mir fielen Hinkelsteine vom Herzen! Ich stellte fest, dass hier alles viel normaler war, als ich es mir vorgestellt hatte.
Völlig erleichtert fuhr ich nach Hause und war voller Stolz, meine Schweinehunderudel überwunden zu haben.
Heute erinnern Tom und ich uns gerne an jenen Tag, an dem ich total verschüchtert und verspannt in der Tür vom anyway gestanden habe und ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich im nachhinein sehe, wie leicht es doch im eigentlich war....
Für fast jeden ist es ein hartes Stück Arbeit diesen Schritt zu tun. Wenn man ihn aber erst einmal getan hat, fällt er einem nie wieder schwer! Es ist tatsächlich nur eine ordinäre Tür, die man öffnen muss...!
Heute bin ich froh und glücklich, diesen Weg gegangen zu sein, denn ich habe viel tolle Menschen kennengelernt und eine unschätzbar wertvolle Erfahrung gewonnen:
"Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht - sondern weil wir es nicht wagen ist es schwer! (Seneca?)



Heinsberg im Mai 2001 - Willy, 18 Jahre (WillyHabicht@web.de)
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