Intoleranz unter schwulen und bi Männern

Ein Abend auf Grindr, Planetromeo und Co. genügt, um zu wissen, dass es unter schwulen, bisexuellen und pansexuellen Männern mitunter ziemlich abwertend zugehen kann.  Der Satz „no fats, no fems, no asians“, der sich auf einigen Dating-Profilen wiederfindet, macht das deutlich. „Rassismus vor allem in der Gay-Community ist allgegenwärtig“, sagt Aurah Jendaafaq, die sich selbst als „Gender-Fucking-Performer“ bezeichnet. Dieser äußert sich vor allem dadurch, dass Aurah, die privat als schwuler Mann unterwegs ist, oft aufgrund des Migrationshintergrundes in eine Schublade gesteckt wird. Speichern & Beenden

„Wenn man irgendwie einen Raum betritt, der nicht explizit einen Safe Space darstellt oder indem der größte Teil weiß ist, ist es mir oft passiert, dass ich dann zu einem Exot erklärt werde und gar nicht mehr als Individuum, Mensch wahrgenommen werde“, sagt Aurah. Das gilt auch auf Dating-Plattformen, wo sie mit bestimmten Erwartungen angeschrieben wird. „Oft ist es einfach nur das Bild des Macho-Türken, wobei ich noch nicht einmal Türke bin, des dominanten Top und was weiß ich. Und wenn ich dem nicht entsprechen will, dann ist das ganz schnell gegessen“, sagt Aurah.

Auch Sung Un vom Podcast „Bin ich süßsauer?“ kennt diese Mechanismen, die vielen Menschen ein vermeintliches Herkunftslabel inklusive bestimmter Eigenschaften aufdrücken – sei es „Latin“, „Südländer“ oder „Asian“. „Asiatisch ist ein problematischer Begriff, weil das ein Fremdkonstrukt ist. Korea zum Beispiel hat sich nie in der Geschichte als Asien gesehen. In der UK denken Menschen eher an Pakistan oder Indien. Wenn man liest „no Asian, no fem“ dann denkt man: Was meinst du denn genau damit? Du schließt damit gerade etliche Millionen Menschen auf dieser Erde aus“, sagt Sung Un.

Ihm ist es ein Anliegen, mit seinem Podcast Sichtbarkeit für queere Menschen aus Asien zu schaffen. Denn sie leiden an einem doppelten Problem. In ihrer Heimatcommunity sind sie gezwingen, ihre schwule, bisexuelle oder pansexuelle Identität zu verstecken. „Dann wiederum in queeren Communitys werden wir exotisiert oder wir gelten immer als Touristen“, sagt Sung Un.

Einige Männer haben ein Fronthole – viele Männer finden das nicht gut

Auch Zerafin, kurz Fin, kennt das Gefühl, dass ein Label das Bild anderer Menschen auf ihn dominiert. Fin ist ein Trans*mann. Nicht nur. Aber für vielen Menschen ist das beim Dating das entscheidende Kriterium. „Die Leute wissen oft nicht, wie sie das einschätzen sollen. Ich habe schon komische Anfragen bekommen wie ‚Würde gern mal mit einer Person schlafen, die weder richtig Mann noch Frau ist. Das finde ich voll interessant'“, erklärt Fin eine der möglichen Reaktionen anderer Männer auf ihn. Fetischisierung und Objektifizierung fühlen sich nicht gut an, ebenso wenig wie die eigene Männlichkeit abgesprochen zu bekommen, weil kein natürlicher Penis vorhanden ist.

„Man hat schon immer das Gefühl, man muss sich direkt rechtfertigen. Das ist immer ziemlich beschissen. Was macht das für einen Unterschied, ob ich eine Beule in der Hose habe oder nicht?“, sagt Fin. Er wünscht sich, dass es mehr Akzeptanz für vielfältige Körper gibt und mehr Offenheit für Sexpraktiken ohne Einsatz eines natürlichen Penis. Die Trans*-Community hat dazu den Begriff des Frontholes hervorgebracht, um einen eigenen – männlichen Begriff – für die als weiblich gelesene Vulva zu haben. Ein solcher Begriff kann helfen, Körper von Trans*männern zu enttabuisieren und sichtbar zu machen.

„Ich bin eine Schlampe“

Ganz andere Formen der Abwertung hat Lutz erlebt. Er hat viel und gerne Sex und sagt heute selbstbewusst, dass er eine Schlampe ist. Das ist seine Methode, um dem Slutshaming zu begegnen, welches er schon immer erlebt hat. „Ich habe den Stempel von Anfang aufgedrückt bekommen, seit ich in die Szene gekommen bin. Ich finde das jetzt nicht so schlimm. Sollen sie doch reden“, sagt Lutz. Trotz allem sei es nicht schön, wenn andere Männer vor einem warnen und Sätze fallen wie „Halt dich von dem fern. Da holst du dir eine Krankheit.“

Warum andere Menschen sich berufen fühlen, das Sexualleben anderer zu beurteilen – darauf gibt es keine logische Antwort. Moralvorstellungen spielen eine Rolle, ebenso wie das andere Menschen sich durch Abwertung selbst aufwerten. „Diskriminierung gibt es erst einmal damit sich andere Menschen besser fühlen können“, sagt Lutz.

Diese merkte er auch, als er begann die PrEP zu nutzen. Als die Schutzmethode in Deutschland noch neu und wenig verbreitet war, wurden PrEP-Nutzer häufiger angegriffen. Verantwortungslosigkeit, Verbreitung von Geschlechtskrankheiten und vieles mehr wurde ihnen vorgeworfen.  „Mich haben auch anfangs Leute angeschrieben, nur um mich zu beleidigen“, sagt Lutz. Mittlerweile hat die Verbreitung der PrEP zugenommen und mit ihr auch die Akzeptanz als gleichrangige Schutzmethode vor HIV. Ein Erfolg für die Community und ihre Vielfalt. Andere Abwertungsformen sind hingegen nicht in den Griff zu bekommen.

Bodyshaming betrifft viele Männer

„Wenn ich hier in Köln unterwegs bin auf der Schaafenstraße ,was ja hauptsächlich männlich, weiß, rank und schlank ist, dann finde ich mich gerade nicht so wieder und bin froh wenn es Communitys gibt wie z.B. die Bären“, sagt Aurah. Sie hat angefangen, Labels positiv für sich zu nutzen. Dass ihr Körper nicht dem schwulen Schönheitsideal entspricht, macht ihr nichts. Sie ist mich sich zufrieden. Aber es schaffen nicht alle Männer, ihren Körper zu akzeptieren und sich mit diesem wohl zu fühlen – egal ob dick, dünn, muskulös oder einfach nur Durschnitt. Bodyshaming hat viele Gesichter und der Druck ist in Zeiten der Datingapps und von Instagram, in denen man gegen andere virtuelle Models konkurriert, hoch. „Ich weiß von vielen Freunden, dass das ein ganz entscheidender Faktor ist, der da mitspielt, ob man an der Szene teilnehmen möchte oder nicht“, sagt Aurah.

In Anbetracht der vielen verschiedenen Bereiche, aufgrund derer Männer andere Männer abwerten, statt gemeinsam eine starke und vielfältige Community zu formen, empfiehlt sie: „Über Geschmack lässt sich ja eigentlich nicht streiten. Jeder hat einen anderen Geschmack. Aber was man auf jeden Fall beachten kann, ist seine Etikette. Man sollte nicht auf Plattformen schreiben ’no fats, no fems, no asians‘, sondern: Was will ich denn? Was suche ich denn? Wonach sehen ich mich? Warum müssen wir herausarbeiten, welche Gruppen von Menschen mit welchen Attributen auch immer wir ablehnen?“

Der Talk wurde unterstützt von Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen und der Aidshilfe NRW im Rahmen der Präventionskampagne Herzenslust.

Fotos: Marius Steffen

Foto: Marius Steffen